
Diese Nachricht ist so plötzlich gekommen, dass es schwierig war an sie zu glauben. Ich, ein 13-järhiger junger Mann sollte für 3 Wochen nach Westdeutschland verreisen. Wir haben das Jahr 1985, die Auslandsreisen in den Westen sind möglich, sogar für uns viel einfacher als für die Bürger aus den anderen Ostblockländern, aber trotzdem ist das für jeden etwas Besonderes. Nicht nur wegen der administrativen Einschränkungen. Der durchschnittliche Pole verdiente damals etwa 20 $ pro Monat. Wie könnte man mit solchem „Vermögen“ sogar einen Tag im Ausland überleben. Es wäre nur dann möglich, wenn man nur per Anhalten fahren würde und in einem Zelt irgendwo wild übernachten würde. (solche Erfahrung habe ich später als armer Student wirklich gemacht). Aber jetzt bin ich noch wieder 13 Jahre alt. Meine Eltern strengen sich an, und ich bekomme für diese Reise als Taschengeld genau 18 DM, die ich für den ganzen Aufenthalt zur Verfügung haben sollte. Man muss nur dabei erwähnen, dass die Unterkunft schon bei den deutschen Familien gesichert war. Sogar bis zum heutigen Tag, kann ich mich daran erinnern, wofür ich 13 von 18 DM ausgegeben habe und zwar für den damals meistens unerreichbaren Traum jedes polnischen Kindes: LEGO – Baukasten.
Der Tag der Reise ist gekommen. Ich hatte wirklich Angst, nach Deutschland zu fahren. Vor meinen Augen standen die Szenen aus den in Polen immer wiederholten Kriegsfilmen. Meine Vorstellungen von unserem westlichen Nachbarn waren leider dadurch stark geprägt. In meinen Gedanken sah ich das heutige Deutschland als Land, wo die meisten Menschen uniformiert sind, und wo neben den schönen, gepflegten Häusern, viele Panzer stehen. Das war eine Weltvorstellung von einem Kind, dass nie früher in der BRD war. Wenige Tage später haben sich diese Vorstellungen mit einer völlig anderen Wirklichkeit konfrontiert. Aber bestimmt werde ich nie vergessen, wie wir mit dem Zug noch im Morgengrauen die DDR-BRD Grenze überschritten haben. Gegen 4 Uhr haben wir die ersten Häuser im Westen gesehen. Das konnte man sofort erkennen, weil sich ihre weiße Fassadenfarbe deutlich, von der rund herum herrschenden Dunkelheit unterschied. Später habe ich bei netten und freundlichen Menschen wunderbare 3 Wochen verbracht. Die bösen uniformierten Gestalten haben sich bestimmt irgendwo versteckt.
10 Jahre später, schon als Stadtführer und Reiseleiter führte ich die deutschen Gruppen durch Polen. Was mich immer dabei interessierte, nach ein Paar Tagen meine Touristen zu fragen, wie unterscheidet sich das, was sie in unserem Land erlebt haben, von dem, wie sie sich es früher vorgestellt haben. In Polen hat das Leben in den Großstädten schon einen ziemlich hohen Standard erreicht. Die meisten, die hierher zum ersten Mal kommen, haben ein negatives Polenbild im Kopf. Wenige Tage später wundern sie sich, dass hier viele Sachen so modern aussehen: die jungen Leute, die in schicken Klamotten durch die Strassen rennen, volle Kneipen, die oft rund um die Uhr geöffnet sind, zahlreiche Restaurants, die die Spezialitäten aus der ganzen Welt anbieten. Natürlich viele denken: „in Polen wird man gleich beraubt“. Überall ist das möglich, in jedem Land, ich muss aber sagen, dass ich innerhalb von 10 Jahren, wo ich intensiv als Reiseleiter tätig war, nur mit 2 solchen Fällen zu tun hatte.
Die Vorurteile sind aber groß, oft wie ich gezeigt habe, auf beiden Seiten. Manchmal muss man aufpassen, bevor man etwas sagt. Eines Tages war ich mit einer Gruppe in Krakau auf der Wawelburg, im ehemaligen Sitz der polnischen Könige. Wir betreten die Schatzkammer. Ich erzähle ihre Geschichte und komme zu dem Punkt, wo sie Ende des 18. Jahrhunderts beraubt wurde. Einige von der Gruppe lachen. Der mutigste sagt ironisch: „Ach ja schon damals….“ Nach dieser kurzen Unterbrechung führe ich meine Rede ruhig fort: „ …Die Schatzkammer wurde von den preußischen Soldaten ausgeraubt.“
Nach vielen Jahren habe ich eine Sache gelernt: man muss reisen um die Vorurteile abzubauen. Bessere Möglichkeit gibt es nicht. Und nachdem man mehrere Länder besucht, wird man bestimmt feststellen, dass die Menschen eigentlich überall ähnlich sind.
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